Deutschland baut das höchste Windrad der Welt – der 365 Meter hohe Gigant wird 7500 Haushalte mit Strom versorgen

In Deutschland, im Bundesland Brandenburg, entsteht derzeit die höchste Windkraftanlage der Welt. Dies gilt als wichtiger Schritt auf dem Weg des Landes hin zu erneuerbaren Energien.
Die 365 Meter hohe Anlage bei Schipkau in der ehemaligen Kohleregion Lausitz wird nach ihrer Fertigstellung höher sein als der Eiffelturm. Das Projekt gilt als eines der sichtbarsten Symbole für Deutschlands Übergang zu sauberer Energie und sorgt gleichzeitig für Diskussionen über die Zukunft der Energieversorgung, der Industrie und die Entwicklung lokaler Gemeinden.
Das Projekt wird vom Dresdner Ingenieurunternehmen Gicon umgesetzt. Vor kurzem wurden auf der Baustelle mithilfe riesiger Kräne Stahlkonstruktionen mit einem Gewicht von mehreren hundert Tonnen montiert. Trotz schwieriger Wetterbedingungen schreiten die Bauarbeiten in den vergangenen Wochen zügig voran.
Die Windkraftanlage soll noch bis Ende dieses Jahres in Betrieb gehen. Ihre großen Rotorblätter, die sich in beträchtlicher Höhe befinden, werden stärkere und gleichmäßigere Winde nutzen können. Dadurch soll deutlich mehr Strom erzeugt werden als mit herkömmlichen Windkraftanlagen an Land.
Kann 7.500 Haushalte mit Strom versorgen
Laut dem Gründer von Gicon, Jochen Grossmann, wird die Windkraftanlage genügend Strom erzeugen, um etwa 7.500 Haushalte mit Energie zu versorgen. Seinen Angaben zufolge wird ihre Leistung mit der von Offshore-Windkraftanlagen vergleichbar sein, obwohl sie an Land errichtet wird. Offshore-Anlagen sind in der Regel effizienter, da der Wind auf dem Meer stärker und gleichmäßiger ist.
Das Projekt erhielt eine Finanzierung in Höhe von 20–30 Millionen Euro von einer deutschen staatlichen Agentur zur Förderung von Technologieentwicklung. Es ist Teil einer langfristigen Energiestrategie des Landes, die darauf abzielt, die Abhängigkeit von Kohle, Erdöl und Kernenergie zu reduzieren.
Deutschland hat im Jahr 2023 seine letzten Kernkraftwerke abgeschaltet und setzt den Ausstieg aus der Stromerzeugung durch Kohle weiter fort. Im vergangenen Jahr lieferten erneuerbare Energien fast 59 % des in Deutschland erzeugten Stroms, wobei die Windenergie weiterhin eine der wichtigsten Stromquellen des Landes bleibt.
Energieunabhängigkeit wurde zur Priorität
Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Jahr 2022, der erhebliche Auswirkungen auf die Gaslieferungen nach Europa hatte, beschleunigte Deutschland seine Bemühungen zur Stärkung der eigenen Energieerzeugung. Auch geopolitische Spannungen im Nahen Osten führten zu zusätzlichen Sorgen hinsichtlich der Versorgungssicherheit.
Jochen Grossmann betont, dass Deutschland nur über begrenzte natürliche Ressourcen verfügt. Daher seien Wind- und Solarenergie der wichtigste Weg, um Klimaziele zu erreichen und eine größere Energieunabhängigkeit zu gewährleisten. Seiner Einschätzung nach werden solche Projekte langfristig dazu beitragen, die Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen zu verringern.
Das Projekt löste auch politische Diskussionen aus
Der Bau der Windkraftanlage wurde jedoch von der Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) kritisiert, die die Auswirkungen großer Windparks auf die Umwelt und lokale Gemeinschaften infrage stellt. In einigen Regionen Ostdeutschlands, in denen durch den Rückgang der Kohleindustrie viele Arbeitsplätze verloren gegangen sind, hat auch die Unzufriedenheit der Bevölkerung zugenommen.
Die regionale AfD-Abgeordnete Birgit Bessin ist der Ansicht, dass die Einwohner vor Ort stärker in Entscheidungen über die Umsetzung solcher Projekte einbezogen werden sollten. Sie verweist auf die Bedenken von Jägern und Betreibern eines nahegelegenen Flugplatzes und vertritt außerdem die Auffassung, dass die Kernenergie weiterhin eine geeignetere Quelle für die emissionsarme Stromerzeugung sei.
Die AfD äußerte außerdem Bedenken hinsichtlich des möglichen Entstehens von Mikroplastikpartikeln durch Rotorblätter. Die bisher durchgeführten wissenschaftlichen Untersuchungen haben jedoch nicht bestätigt, dass das derzeitige Ausmaß der Belastung eine Gefahr für die menschliche Gesundheit darstellt. Umweltbehörden beobachten diese Frage weiterhin im Zuge der Weiterentwicklung der Windkrafttechnologien.
Unterdessen verfolgt die Regierung von Bundeskanzler Friedrich Merz eine vorsichtigere Haltung gegenüber dem schnellen Ausbau erneuerbarer Energien als die vorherige Regierung. Wirtschaftsministerin Katharina Reiche kündigte Pläne für den Bau neuer Gaskraftwerke an, um eine stabile Stromversorgung in Zeiten sicherzustellen, in denen die Energieerzeugung aus Wind und Sonne nicht ausreicht.
In den vergangenen Jahren sind die Strompreise in Deutschland deutlich gestiegen. Nach den Turbulenzen auf dem globalen Gasmarkt und geopolitischen Konflikten haben sich die Energiekosten erheblich erhöht. Wirtschaftsverbände warnten, dass die hohen Preise das Wirtschaftswachstum und die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie negativ beeinflussen.
Anwohner hoffen auf niedrigere Stromrechnungen
Der Bürgermeister von Schipkau, Klaus Prietzel, möchte, dass die Einwohner vor Ort direkt von dem Projekt profitieren. Er hält es für möglich, dass die Gemeinde die Windkraftanlage in Zukunft selbst übernehmen könnte, wodurch die Stromkosten für die Haushalte gesenkt werden könnten.
Bereits heute erhalten Menschen, die in der Nähe bestehender Windparks leben, jährlich rund 80 Euro aus den Einnahmen von Windenergieprojekten. Die Gemeinden sind der Ansicht, dass eine solche Gewinnverteilung dazu beiträgt, die gesellschaftliche Akzeptanz für Projekte im Bereich erneuerbarer Energien zu erhöhen, während die AfD dies als politisches Einflussinstrument bezeichnet.
Die Windkraftanlage in Schipkau ist nicht nur ein beeindruckendes Ingenieurprojekt, sondern auch ein Symbol für Deutschlands Bemühungen, einen Ausgleich zwischen Klimazielen, wirtschaftlichen Interessen und politischen Auseinandersetzungen zu finden. Während der Bau weiter voranschreitet, dürfte dieses Projekt die zukünftigen Diskussionen über Europas Übergang zu einer neuen Energieversorgung und die Zukunft der Industrie weiter beeinflussen.